Traditionsfahrt mit der Bahn

Nach intensiver und gründlicher Vorbereitung starteten wir am 13. Mai 1995 zu unserer Traditionsfahrt.

Mit dem ersten Zug Richtung Cottbus setzten wir uns um 4.50 Uhr in Bewegung. Alle kamen, nur nicht Axel - der kam später.

Nun wurden die hochnotpeinlichen Prüfungen auf Fahrtüchtigkeit abgelegt: Traditionsfahrausweis, sonstige alte Ausweise, rote Socken, Kuscheltier, knoblauchverträglichkeit und genießbarer herber Rotwein. Alle Delinquenten erfüllten ihre Prüfung mehr oder weniger zufriedenstellend.

In Vetschau schauten wir nach Axel - nix zu seh'n. Kurz bevor der Zug sich wieder in Bewegung setzte grinste uns aus dem Nachbarabteil ein bekanntes Gesicht an. Mit unserem Sektionsneuling waren wir nun vollzählig.

Man kann uns sicher nicht vorwerfen, daß wir uns nicht bemüht hätten, schon bis Cottbus unsere Rucksäcke etwas zu erleichtern. Nach diesem ersten Streß wechselten wir schnell den Bahnsteig zum Zug in Richtung Dresden. Beim Öffnen der nächsten Flasche schauten wir uns dann fragend an - es ging gen Osten und nicht nach Südwesten. Unserem Schicksal ergeben verließen wir den fahrenden Zug nicht (der Fahrschein galt ja für ganz Deutschland). Nachdem der Zugführer uns etwas komisch ansah, erklärte er, daß dieser unser Zug Richtung Hoyerswerda fährt. Dort hätten wir dann auch Anschluß nach Dresden.

Mit dem beiläufig einsetzenden Dauerregen erreichten wir dann unter fleißigen Nutzung der Vorräte Dresden Hbf und mit dem nächsten Zug unser Ziel Schmilka. Es gelang uns sogar, geschlossen ohne Verluste den Zug zu verlassen.

Inzwischen hatte sich der Dauerregen stabilisiert und wir überquerten die Elbe mit Ober- und Unterwasser. Ohne Schwierigkeiten erreichten wir das virtuelle sozialistische Ausland.

Einem großen Zauber ist es zu verdanken, daß der Weg uns nicht gleich in die nächste Destille von Hrensko führte - nein, wir hatten ein Ziel: die Freundschaftshöhle.

Aber ehrlich, hätten wir vorher gewußt, was uns dort erwartet, der Tag wäre vielleicht ganz anders verlaufen.

Also wir Ahnungslosen linkerhand der Kamenice hoch in den Wald. In schwierigem Gelände erreichten wir durch ein Felstor die Freundschaftshöhle und seilten die ersten Säcke ins Mundloch ab - doch halt, nach einiger Zeit zählten wir durch und waren nur noch acht. Axel machte sich zur Suche auf den Rückweg und irgendwie überzeugte er Uli dann doch noch aufzuschließen. Uli schaffte es, in dem er sich mehrere Male kräftig konzentrierte. Im Vorraum der Freundschaftshöhle waren wir dann endlich im Trockenen und entzündeten ein wohl kleines aber moralisch großes Freudenfeuer. Um dem Regen ein weiteres auszuwischen wurden nach altem Ritual wieder einige Weinflaschen ausgehöhlt.

Die meisten arbeiteten sich dann noch zum Höhlenende durch und erlebten den "Gipfelsieg". Da die Anstrengungen doch 'erheblich' waren und ein Ende des Regens nicht in Sicht aalten wir uns noch eine Weile am Feuer.

Dann begann aber doch der Abstieg (oder besser erst mal Aufstieg). Als alle Säcke und zwei andere aus der Höhle auftauchten, konnte man noch einige bunte Stellen unter den dreckverschmierten Oberflächen erkennen. Nach dem Abstieg mußte man dann doch etwas näher an die Gestalten herankommen, um sie zu identifizieren. Paul's Schirm verdrehte sich in sein Gegenteil. Einige legten den Weg nach unten weniger auf zwei Beinen als auf zwei Backen zurück.

Nun waren wir genügend motiviert (immer noch im strömenden Regen) die Gastfreundlichkeit der Hrenskoer Gaststätten zu testen. Unser Eindruck in dieser Richtung hielt sich dann aber doch in Grenzen. Statt der Vielzahl früherer Kneipen sieht man fast nur noch Wechselstuben und Straßenhändler. Mit etwas Glück fanden wir Platz in der einzigen noch verbliebenen Wirtschaft in Grenznähe (und auch die war zum Verkauf ausgeschrieben).

Der erste Durst war gelöscht - und das Bier hatte einen mehr ekligen als Wohlgeschmack. Mit dem Essen muß wohl auch was nicht ganz echt gewesen sein. Jedenfalls haben wir uns bei den Tschechen schon mal wohler gefühlt. Dies tat jedoch unserer Moral keinen Abbruch. Auch unserer künstlerischen Ader ließen wir beim erstellen von Zeichnungen mal freien Lauf.

Mit Begeisterung verließen wir die Destille (unter Zurücklassung nicht ganz sauberer Sitzflächen) und stülpten unsere Regenbekleidung wieder über. Der Grenzübergang war im wesentlichen problemlos. Der deutsche Prüfer wies Uli und mich allerdings deutlich darauf hin, daß wir in der Autospur liefen - na ja, der Klügere (oder Trunkenere) gibt ja bekanntlich nach. Ab hier wurde ich dann merklich ruhiger als sonst, die eben verzehrten Speisen und Getränke hatten eine nicht ganz positive Wirkung.

Wenn man von unseren üblichen Belästigungen des Zugbegleitpersonals absieht, verlief die Absolvierung der weiteren Strecke bis zur Boofe im wesentlichen reibungslos - da es ja weiter ausgiebig regnete.

Was im weiteren am Lagerfeuer der Rauensteinboofe geschah, vermag ich nicht zu berichten, da ich mich zu weiteren Genesung in den Schlafsack zurückzog und alsbald meine Sensoren abschaltete.

In der Nacht versuchten einige fliegende Bewohner des Waldes unsere Aufmerksamkeit durch lautes Rufen zu erheischen. Dies gelang ihnen jedoch kaum, da unsere Trägheit nicht so einfach zu durchbrechen ist.

Am nächsten Morgen, Sonntag - ein Wunder: kein Regen, nur noch leichter Wind.

Nachdem wir uns von mehreren Routen auf die kürzeste geeinigt hatten (direkt nach Rathen) kam natürlich erst mal ein ausgiebiges Frühstück am Feuer. Dabei haben wir solange "Zähne geputzt" bis der Stoff weg war. Viele marschierten dann weiter im Nachtkleid nach Rathen, da die Bekleidung des Vortages kaum noch nutzbar war.

Die Fähre setzte uns auf die andere Elbseite zum Kaffeetrinken und wir genossen nach kurzem Weg die Aussicht am Amselsee. Dies taten wir nur, weil wir nicht zu zeitig beim Flaschenbodenwirt auftauchen wollten (man wird ja vorsichtig).

Und als wir dann doch bei ihm einkehrten, bestätigte sich unsere Vermutung. Viel länger hätte unser Aufenthalt in dieser Gaststätte auch nicht dauern sollen. Der Wirt hatte die Gabe, uns ständig zu animieren, uns und ihm doch wieder eine Runde spendieren - aber lustig wars.

Wir hatten das Verlassen des Lokals zum Zug genau getimet und der Zug kam natürlich 5 Minuten zu früh. Mit etwas Glück und mehrmaligem Pfeifen des Schaffners kamen wir alle noch grade so in den Waggon.

Die Rückfahrt verlief im weiteren konfliktlos. Nur das Zugpersonal hatte wieder mit uns zu kämpfen. Axel versuchte intensiv, mit jungen Menschen bekannt zu werden. In Cottbus füllten wir noch rasch die verbrauchten Vorräte auf, um bis Lübben durchzuhalten. Axel verließ uns in Vetschau um als erster wieder in Lübben aufzutauchen (diese rasante Fahrt war zwar effektvoll, kann aber glaube ich, unsere Zustimmung nicht finden, da bei blöden Zufällen hätte Schlimmes passieren können - also Axel, so solltest Du uns in Zukunft nicht imponieren).

Am Bahnhof Lübben kurz nach 19 Uhr war unsere Traditionsfahrt zu Ende. Die Wiedersehensfreude war besonders bei Antje ganz groß.

Trotz Verbots hatte Ulf einen Fotoapparat mit und einige Bilder geschossen, wofür wir ihm natürlich nachträglich dankbar sind.

Vielleicht packen wir es wieder mal mit der Bahn - solange es das Wochenendticket noch gibt ...

Hoffi